21. September 2017 Landschaften & Ökosysteme, Pflanzen

Interview: "Ein natürlicher Fluss gestaltet die Landschaft selber"

Viele Bäche und Flüsse wurden durch die Menschen verändert – dadurch sind Lebensräume von Tieren und Pflanzen verschwunden. Die Eder in Nordhessen wurde nun wieder natürlicher gestaltet. Michael Lenz vom Regierungspräsidium Kassel erklärt, wie das funktioniert.

ÖkoLeo: Herr Lenz, auf der Landkarte ist zu sehen, dass die Eder viele Kurven macht – ist das bei der Renaturierung herausgekommen? 

Michael Lenz: Dass sie kurvig durch Hessen fließt, war schon immer so. Aber wo genau sie fließt, das veränderte sich im Laufe der Zeit immer wieder, denn das Wasser sucht sich immer seinen Weg. Außer, man verhindert das. Zum Beispiel, indem man die Ufer befestigt. Genau das haben wir Menschen gemacht, weil wir unter anderem angefangen haben, das Land an der Eder für die Landwirtschaft zu nutzen – zum Beispiel, um Getreide anzubauen oder um dort Tiere weiden zu lassen.

die rote Linie verläuft horizontal über eine Landkarte Hessens
Die rote Linie zeigt den Verlauf Eder. (Bild: Lencer/ commons.wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0)

ÖkoLeo: Was haben die Menschen in der Vergangenheit mit der Eder gemacht?

Michael Lenz: Die Menschen haben versucht, den Fluss zu begradigen oder auch möglichst eng im Flussbett zu halten. In der Eder gibt es sehr viel Kies. Der ist locker und kann vom Wasser leicht fortgespült werden. Damit die Ufer nicht abbrechen, wurden sie befestigt. Zum Beispiel mit großen Steinblöcken.

ÖkoLeo: Welche Folgen hatte das für den Fluss?

Michael Lenz: Durch diese Eingriffe verändert sich die gesamte Flussaue, also die Landschaft um den Fluss herum. Der Fluss hat nicht mehr die Möglichkeit, sich auf natürliche Weise auszubreiten und das Ufer zu verändern. 

Gewässer beobachten

An Seen, Teichen und Flüssen ist eine Menge los. Wie du die Natur dort entdecken kannst und warum Gewässer wichtig für die Natur sind, erklärt ÖkoLeo hier:

ÖkoLeo: Was bedeutet das für die Tiere und Pflanzen?

Michael Lenz: Das bedeutet, dass der Lebensraum von manchen Tieren und Pflanzen verschwindet. Ein Beispiel: Natürliche Flüsse bilden kleine Ausläufer, sogenannt Seitengerinne. Sie bieten Lebensraum für viele Tierarten wie Frösche und andere Amphibien oder auch für Insekten.

Außerdem verändert sich die Schnelligkeit des Flusswassers. Wenn es nicht mehr zur Seite abfließen kann, wird die Strömung stärker. Das hat zur Folge, dass der Fluss keine Kiesinseln mehr bildet. Und auch der Kies am Grund wird schneller weitertransportiert. In den Kiesbänken im flachen Wasser laichen aber einige Fische. Das heißt, dass sie dort ihre Eier ablegen. Und auf Kiesinseln in der Eder brütet der Flussregenpfeifer, eine Vogelart. 

Mit einem Baum bewachsene Kiesbank in der Eder
Kiesbänke in der Eder sind wichtig für Fische, denn diese legen dort ihre Eier ab. (Bild: Michael Lenz)

ÖkoLeo: Was wurde an der Eder getan, um diese Lebensräume zu schützen?

Michael Lenz: Man hat die Eder an verschiedenen Stellen renaturiert. Das heißt, dass wir versuchen, einen natürlicheren Zustand wiederherzustellen.

Bagger im Grünen
Der Bagger trägt die Erde ab. So werden Nebengewässer geschaffen. (Bild: Michael Lenz)

ÖkoLeo: Wie funktioniert das?

Michael Lenz: Zum Beispiel wird die Ufersicherung entfernt. Das ist die Sicherung  am Ufer, damit es sich nicht verändern kann. Die Ufersicherungen werden vor allem an sehr kurvige Stellen entfernt. Denn dort stößt das Wasser mit viel Kraft auf das Ufer und kann es verändern.

Wir haben an der Eder auch neue Seitengerinne geschaffen. Dazu wurde mit Baggern Erde abgetragen, damit das Flusswasser leichter über das Ufer treten kann. So bilden sich wieder kleine Nebengewässer.

Und wir haben noch etwas ganz Wichtiges gemacht. An den Stellen, an denen wir neue Seitengerinne geschaffen haben, mussten wir ja Erde entnehmen – da war sehr viel Kies dabei. Der wurde in die Eder gekippt, um ihr den Kies sozusagen zurückzugeben.

die frisch aufgeschütteten neuen Eder-Ufer
Kurz nach den Arbeiten zur Renaturierung. Die Eingriffe sind noch gut zu erkennen. (Bild: Michael Lenz)

ÖkoLeo: Kommt es dabei nicht zu neuen Schäden in der Natur?

Michael Lenz: Dort, wo Bagger fahren sollen, müssen wir natürlich aufpassen. Die Stellen werden so ausgesucht, dass es der Natur möglichst wenig schadet. Die Arbeiten werden auch nur in der Zeit ausgeführt, in der die Vögel nicht brüten. Wir können aber leider nicht ganz ausschließen, dass einige Tiere oder Pflanzen bei den Arbeiten Schaden nehmen. Dafür ist das Ergebnis später ein besserer Lebensraum.

Heimische Wasservögel

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ÖkoLeo: Was hat sich denn mittlerweile an der Eder verändert?

Michael Lenz: Bei den Fischen beispielsweise konnten wir bereits feststellen, dass es wieder viel mehr Jungfische gibt als in den Jahren zuvor. Das hat damit zu tun, dass es in der Eder wieder mehr Kies gibt und die Fische dadurch besser laichen können.

Auch bei den Vögeln hat sich etwas verbessert. Zum Beispiel ist die Anzahl der Eisvögel leicht gestiegen. Der Eisvogel brütet in kleinen Löchern am Uferrand – und das ist wieder an mehreren Stellen der Eder möglich. Außerdem findet der Eisvogel mehr Nahrung im Flusswasser. Denn auch die Zahl der Kleinfische in der Eder hat zugenommen

Interviewpartner Michael Lenz lächelt in die Kamera
Michael Lenz arbeitet im Dezernat für Schutzgebiete, Artenschutz, biologische Vielfalt und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Kassel. (Bild: Michael Lenz)

ÖkoLeo: Wird in Zukunft noch mehr an der Eder passieren?

Michael Lenz: Ja, wir haben vor, in den nächsten Jahren weitere Stellen zu renaturieren - vom Edersee bis zur Mündung in die Fulda.

ÖkoLeo: Eine Frage zum Schluss: Was machen Sie am liebsten an der Eder?

Michael Lenz: Ich spaziere gerne am Fluss entlang und gucke nach Tieren und nach Pflanzen. Und ich freue mich immer besonders, wenn ich einen Eisvogel  oder einen Graureiher sehe.

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