21. November 2016 Energie, Klima & Umwelt

Interview: Wie Bakterien Biogas machen

Hinein kommen Abfall, Reststoffe oder Pflanzen– und heraus kommt Gas, mit dem man direkt heizen oder Strom, Wärme und Kraftstoffe erzeugen kann. Wie funktioniert so eine Biogasanlage? ÖkoLeo hat eine Expertin dazu befragt, Anja Neubauer vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen.

ÖkoLeo: Frau Neubauer, Sie sind Bioenergie-Expertin beim Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Was hat denn Landwirtschaft mit Energie zu tun?

Anja Neubauer: Bioenergie ist ein Sammelbegriff für Energie, die aus Biomasse gewonnen wird. Biomasse ist organisches Material – also alles, was von Pflanzen oder Tieren stammt.

Anja Neubauer
Anja Neubauer vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. (Bild: privat)

In der Landwirtschaft können Pflanzen für die Gewinnung von Bioenergie angebaut werden. Das sind die sogenannten Energiepflanzen, wie zum Beispiel Raps, Mais, Zuckerrüben oder durchwachsene Silphie. Mais ist unter den Pflanzen diejenige, aus der man die größte Menge an Biogas gewinnen kann.

Gülle oder Mist aus der Tierhaltung sind natürlich auch Biomasse und können in die Biogasanlage.

ÖkoLeo: Man sieht auf Bauernhöfen manchmal große Tanks, die mit einer grünen Folie abgedeckt sind. Oft wirkt die Folie richtig aufgebläht. Sind das Biogasanlagen?

Anja Neubauer: Genau. So ein Tank ist ein Teil der Biogasanlage, der sogenannte Fermenter. Darin findet die Produktion von Biogas statt. Unter der Folienhaube wird das Biogas gespeichert.

ÖkoLeo: Was passiert in der Biogasanlage?

Anja Neubauer: Biogas entsteht durch ein geniales natürliches Prinzip! Man könnte sagen, dass in den Pflanzen Sonnenenergie gespeichert ist. Denn diese bringt Pflanzen zum Wachsen. Wenn diese Pflanzen in der Biogasanlage landen, dann werden sie von Bakterien zersetzt. Die Bakterien "fressen" sozusagen diese Pflanzen. Dabei entsteht das Gas Methan. Das ist ein brennbares Gas und der Hauptbestandteil von Biogas.

Bioenergie in Zahlen

Um eine Person für ein Jahr mit Strom aus Biogas zu versorgen, braucht man die Menge Gülle, die eine Kuh in einem Jahr produziert.

Damit die Bakterien Biogas produzieren können, muss die Biogasanlage luftdicht abgeschlossen sein. Und es muss darin warm und schön feucht sein. Das Gas steigt dann hoch und wird über Leitungen rausgeführt.

Bakterien, die Methan bilden, kommen auch in der Natur vor. Zum Beispiel in Sümpfen. Auch in Gülle sind sie vorhanden.

ÖkoLeo: Wenn extra Energiepflanzen angebaut werden, um Biogas zu erzeugen: Ist das denn umweltfreundlich?

Anja Neubauer: Bei der eigentlichen Erzeugung und Nutzung des Gases ist die Ökobilanz sehr gut. Denn die Pflanze entnimmt beim Wachsen aus der Luft das Treibhausgas CO2.

Natürlich müssen auch Energiepflanzen wie Mais angebaut, gepflegt und geerntet werden. Dabei wird natürlich auch Energie verbraucht. Das macht Bioenergie aber nicht klimaschädlich. Es ist allemal besser, für die Energiegewinnung einen erneuerbaren Energieträger zu verwenden, anstatt fossiler Rohstoffe. Auch die müssen im Übrigen unter Einsatz großer Energiemengen gewonnen werden. Außerdem bringen sie viele andere Nachteile für die Umwelt mit sich.

Was soll auf dem Feld wachsen?

In der Landwirtschaft können Nahrungsmittel angebaut werden – oder Energiepflanzen. Was auf einer bestimmten Fläche wachsen soll, muss stets abgewogen werden. Vorrangig sollen Abfall- und Reststoffe für die Energieerzeugung eingesetzt werden. Denn sie stehen nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelherstellung.

Bei der Produktion von Biogas gibt es eine zusätzliche klimafreundliche Wirkung. Denn von der Biomasse bleibt ein sogenannter Gärrest übrig. Der wird zum Beispiel als Dünger wieder auf die Felder gebracht oder zur Kompostierung verwendet. Da findet ein sehr sinnvoller Stoffkreislauf statt.

ÖkoLeo: Wie ist das zum Beispiel mit dem Anbau von Mais? Manchmal wird gesagt, dass Mais besser als Lebensmittel genutzt werden sollte.

Anja Neubauer: In Deutschland ist es kein Problem, einen Teil der Maisernte für Biogas zu verwenden. Die Landwirtschaft produziert bei uns genügend Lebensmittel für die Bevölkerung. Gleichzeitig werden aber auch Strom, Wärme und Kraftstoffe benötigt.

ÖkoLeo: Für den Anbau von Energiepflanzen wie Mais werden auch Flächen gebraucht. Kann man die nicht besser nutzen?

Anja Neubauer: Von allen Maisäckern wird rund ein Drittel für den Anbau für Energiemais verwendet. Der Rest ist Mais, der für die Fütterung von Tieren genutzt wird.

Blühstreifen am Rand eines Maisfeldes. (Bild: mecklenburg/ flickr.com/ CC BY 2.0)

Grundsätzlich sind sogenannte Monokulturen in der Landwirtschaft nicht gut. So nennt man es, wenn einseitig nur bestimmte Pflanzen angebaut werden. Das kann dazu führen, dass andere Tier- und Pflanzenarten verdrängt werden, Schädlinge und Pflanzenkrankheiten sich ausbreiten und der Ackerboden nicht mehr so fruchtbar ist. Es muss eine gute Mischung durch weite Fruchtfolgen herrschen. Zum Beispiel werden Blühstreifen am Rand der Maisfelder angelegt. Oder es werden Mischungen von Energiepflanzen angebaut, die mit ihrer Blütenvielfalt verschiedenste Insekten beherbergen. Das ist wichtig für den Erhalt der Artenvielfalt.

Insgesamt werden in Deutschland auf 13 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen Energiepflanzen angebaut.

ÖkoLeo: Was hat eigentlich die Biotonne mit Bioenergie zu tun?

Anja Neubauer: Biogas wird auch in Anlagen produziert, die Abfall verwerten. Wenn wir unseren Bioabfall vernünftig und getrennt von anderen Abfällen sammeln, dann kann er in einer solchen Bioabfall-Anlage vergoren werden. So wird sozusagen aus Abfall Biogas und damit Strom und Wärme gemacht.

ÖkoLeo: Wie wichtig ist Bioenergie beim Umstieg auf erneuerbare Energien? Welche Rolle spielt sie?

Anja Neubauer: Der große Vorteil von Bioenergie ist, dass wir damit sehr gezielt arbeiten können. Biogas kann gespeichert werden. Wenn es gebraucht wird, ist es da.

ÖkoLeo: Kann ich selber etwas zur Produktion von Biogas beitragen?

Anja Neubauer: Auf jeden Fall, indem man Abfall trennt! Genauso wichtig ist das Energiesparen. Denn je weniger Energie wir verbrauchen, desto weniger Aufwand muss für die Erzeugung betrieben werden.