17. September 2020 Landwirtschaft & Garten

Interview: Was ist los auf der Streuobstwiese?

Streuobstwiesen gelten als typisch hessisch, so wie Apfelsaft und Apfelwein. Was weniger bekannt ist: Dort können tausende Tier- und Pflanzenarten vorkommen. Streuobst-Fachmann Bastian Sauer erklärt, was es zu entdecken gibt.

ÖkoLeo: Herr Sauer, wenn ich mich in meiner Region umschaue, wie finde ich so eine Streuobstwiese?

Bastian Sauer: Fast jedes Dorf hat noch Überbleibsel. Früher wuchs Obst um das Dorf herum auf Streuobstwiesen, aber auch auf Streuobstäckern und in Streuobstalleen entlang von Straßen. Denn früher waren die Obstbäume dafür da, sich selbst zu versorgen.

Man erkennt eine Streuobstwiese sehr schön im April zur Blütezeit. Dann fällt sie richtig auf, mit ihren weiß-rosa Apfelblüten. Oder im Spätsommer und Herbst, zur Erntezeit, wenn Früchte an den Bäumen hängen, ist so eine Streuobstwiese im Dorf natürlich ganz leicht zu entdecken.

Bastian Sauer ist regionaler Streuobstbeauftragter beim Regionalverband FrankfurtRheinMain. (Bild: Regionalverband FrankfurtRheinMain)

ÖkoLeo: Sie haben Äpfel erwähnt. Welches Obst wächst dort noch?

Bastian Sauer: Typisch sind außer Äpfeln noch Birnen, Kirschen und Pflaumen, aber auch Walnüsse. Hier und da gibt es auch Mirabellenbäume oder vereinzelt einen Pfirsichbaum.

ÖkoLeo: Streuobstwiesen sind wertvoll für die Natur. Fachleute sagen, dass dort bis zu 5.000 Tier- und Pflanzenarten leben. Wie kann man sich das vorstellen?

Bastian Sauer: Die Zahl ist natürlich eine Höchstzahl. Aber tatsächlich gehören Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. Das liegt daran, dass sie eine Mischung aus Wald und Wiese sind. Es gibt Bäume, Wiesenpflanzen, Sträucher, Holzhaufen und so weiter.

Diese Mischung wird von Menschen geschaffen. Wenn man so eine Wiese nicht pflegt, entwickelt sich die Fläche quasi wieder hin in Richtung Wald. Viele Arten wandern dann ab. Der Steinkauz beispielsweise braucht sowohl Bäume als auch offene Flächen.

ÖkoLeo: Wie kann ich die vielen Arten selbst beobachten?

Bastian Sauer: Man sollte möglichst wenig auf die Wiese selbst gehen. Durch viele Streuobstwiesen führen Feldwege oder Trampelpfade am Rand, die sollte man nutzen. Und man sollte Rücksicht nehmen und sich als Gast verhalten.

Ich empfehle, sich einfach mal am Rand so einer Wiese hinzusetzen. Oft hört man dann einen Specht. Auf den Blüten wird man viele verschiedene Insekten sehen. Vielleicht entdeckt man auch einen Feldhasen oder sieht ein Mauswiesel weghuschen. Oder man stellt fest, dass da ein Igel Obst frisst.

Dann kann man auch mal langsam die Wiese entlanglaufen. Wenn man sich ruhig verhält und ein bisschen Zeit dort verbringt, kann man sehr, sehr viel beobachten.

Besuch auf der Streuobstwiese

Naturschutzverbände wie NABU und BUND können oft Tipps geben! In vielen Orten gibt es auch Gartenbauvereine, die Streuobstwiesen betreuen. In jedem Fall sollte man um Erlaubnis fragen, bevor man eine Streuobstwiese betritt. Wer in der Region FrankfurtRheinMain mit Streuobst zu tun hat, kannst du hier nachsehen.

ÖkoLeo: Sind bestimmte Tageszeiten oder Jahreszeiten besonders interessant?

Bastian Sauer: Vor allem früh morgens ist es schön, wenn die Tiere noch nicht gestört wurden. Oder spät abends. Eine besonders schöne Jahreszeit ist, wenn die Obstbäume blühen. Das ist meistens im April. Auch Spätsommer und Herbst sind interessant, wenn die Bäume voller Früchte hängen. Bei den Kirschen geht das schon im Mai und Juni los, bei den meisten anderen Früchten im September und Oktober.

ÖkoLeo: Worauf kann ich achten, wenn ich mir die Bäume genauer anschauen will?

Bastian Sauer: Wenn die Bäume älter werden, brechen Äste ab, und es entstehen Höhlen. Je älter ein Baum, desto mehr Lebensraum bietet er für Insekten und Vögel. Auch für ganz seltene Arten, wie den Wendehals, einen Vogel.

Man sieht ganz viele Insekten auf der Rinde, auf den Blättern und an den Blüten. Ameisen beispielsweise. In den Hohlräumen von alten Bäumen gibt es auch Hornissennester.  

Bei vielen Arten muss man Glück haben, um sie zu sehen. Einen Steinkauz zum Beispiel wird man am ehesten mit einem Fernglas sehen. Bei Grünspechten sind die Chancen besser. Siebenschläfer kann man noch entdecken, oder Fledermäuse.

ÖkoLeo: Und was ist auf der Wiese los?

Bastian Sauer: Auf manchen Wiesen weiden Schafe und Ziegen, manchmal auch Pferde. Davon abgesehen gibt es eine große Vielfalt an Blütenpflanzen. Vor allem, wenn die Wiese ein oder zwei Mal im Jahr gemäht wird. Ein Grund für die Vielfalt ist auch, dass nicht gedüngt wird. Auf Grünland, wo Gülle ausgebracht wird, blüht außer Löwenzahn und Gänseblümchen kaum noch was.

Auf so einer Streuobstwiese gibt es dagegen eine sehr große Blütenvielfalt. Und die bietet jede Menge Insekten wie Wildbienen, Hummeln, Käfern und Schmetterlingen Nahrung und Lebensraum. In der Wiese finden sich oft auch Eidechsen.

ÖkoLeo: Hat eine Streuobstwiese auch besondere Vorteile für uns Menschen?

Bastian Sauer: Es gibt Obst in allen Varianten. Man kann daraus viel machen, zum Beispiel Saft oder Marmelade. Die Bäume können auch Brennholz und Möbelholz liefern. Das Gras der Wiese kann für die Viehhaltung genutzt werden. Davon abgesehen ist eine Streuobstwiese eine schöne Kulturlandschaft, in der man sich erholen kann.

ÖkoLeo: Sie selbst haben eigene Streuobstwiesen. Was ist für Sie besonders schön daran?

Bastian Sauer: Ich habe schon als Kind auf den Streuobstwiesen geholfen. Auch beim Sammeln der Äpfel und beim Keltern. Das ist die schönste Kindheitserinnerung, und das geht mir auch heute noch so: Wenn man eigenes Obst gesammelt hat, das selbst presst und dann sein Glas füllt und den frisch gepressten Saft trinkt. Da schmeckt man einfach die ganze Wiese heraus und das, was man das ganze Jahr über an Arbeit reinsteckt!

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