15. Oktober 2019 Landschaften & Ökosysteme

Biodiversität: Warum wir die Vielfalt der Natur brauchen

Fachleute warnen vor einem Artensterben bei Tieren und Pflanzen. Was steckt dahinter? Und warum ist es wichtig, die Arten und Lebensräume zu schützen? Die wichtigsten Infos über biologische Vielfalt – einfach erklärt.

„Artensterben: Die Wissenschaft schlägt Alarm“ – solche Meldungen  liest und hört man immer wieder in den Medien. Im Mai 2019 zum Beispiel. Da wurde ein wissenschaftlicher Bericht über den weltweiten Zustand der Natur veröffentlicht. Tier- und Pflanzenarten verschwinden in dramatischem Tempo von der Erde, heißt es darin. Und eine Million weitere Arten weltweit sei vom Aussterben bedroht. 

Den Bericht hat der sogenannte Weltbiodiversitätsrat geschrieben. Er arbeitet so ähnlich wie der bekanntere Weltklimarat.  Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt tragen für die Berichte zusammen, was der Stand der Forschung ist. 

Gefährdung der Natur schadet auch den Menschen

Der Bericht des Weltbiodiversitätsrates machte Schlagzeilen, weil er zeigt, dass der Zustand der Natur auf unserem Planeten insgesamt nicht gut ist – und dass dies eindeutig daran liegt, wie die Menschen die Natur nutzen. Der Weltbiodiversitätsrat warnt außerdem, dass die Menschen sich damit selbst schaden, weil sie eine intakte Natur für ein gutes Leben brauchen. 

Auch in Deutschland gibt es Grund zur Sorge. Unter anderem sind viele Wildbienenarten bedroht. Und sogar Vogelarten, die früher sehr häufig waren, werden seltener. Das wird in den Medien und von Naturschutzorganisationen manchmal als „Bienensterben“  und „Vogelschwund“  bezeichnet.

Warum ist es ein Problem, wenn Arten verschwinden?

Tatsächlich beobachten Fachleute, dass die Zahl der Arten abnimmt und immer mehr Arten gefährdet sind. Auch in Hessen gibt es zum Beispiel immer weniger sogenannte Feldvögel – ihr Lebensraum sind vor allem Felder, Äcker und Weiden.  Früher war unter anderem der Kiebitz weit verbreitet. Ende der 1980er-Jahre brüteten über 2.000 Paare in Hessen. Heute sind es nur noch ungefähr 200 Paare. 

Das Problem dabei ist nicht nur, dass so nicht nur einzelne Arten unwiderbringlich verschwinden. Sondern viele Arten sind aufeinander angewiesen. Wenn einzelne Arten seltener werden oder aussterben, kann das auch anderen Arten Schwierigkeiten machen – und auch uns Menschen. 

Ein Beispiel sind Wildbienen. Sie bestäuben viele Pflanzen, darunter auch Obstbäume und viele andere Nutzpflanzen. Wenn die Bestäuber ausfallen, können sich manche Pflanzen nicht mehr vermehren, und die Menschen können weniger ernten.

Was ist Biodiversität?

Weil die Arten aufeinander angewiesen sind, ist es wichtig, die ganze Vielfalt der Natur zu erhalten. Fachleute nennen die Vielfalt „Biodiversität“ oder auch „biologische Vielfalt“. Damit wird die Vielfalt des Lebens auf unserer Erde bezeichnet. Dazu gehören die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten und ihre Lebensräume, aber auch andere Lebensformen wie Pilze und Mikroorganismen. Mikroorganismen sind kleinste Lebewesen, die nur unter dem Mikroskop sichtbar sind. 

Was ist ein Ökosystem?

Auch die natürlichen Lebensräume sind wichtig. Das sind zum Beispiel Wälder oder Flüsse und Seen. In unterschiedlichen Lebensräumen leben jeweils verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Das liegt daran, dass sich die Bedingungen unterscheiden. Flüsse bieten Lebensraum für Wassertiere und -pflanzen. In Wäldern leben andere Vogelarten als in Gegenden, die stark von Menschen genutzt werden. 

Es gibt aber auch unterschiedliche Flüsse und unterschiedliche Wälder! Manche Flüsse zum Beispiel haben eine starke Strömung und steile, felsige Ufer. Andere fließen langsam, und an ihrem Ufer wachsen dichte Pflanzen. Manche Fisch- und Vogelarten leben nur dort, wo die Strömung stark ist – andere leben nur in trägen Flüssen.

In den verschiedenen Lebensräumen gibt es darum verschiedene Lebensgemeinschaften von Tier- und Pflanzenarten, die aufeinander angewiesen sind. Das Netz der Arten an einem bestimmten Ort nennen Fachleute „Ökosystem“.

Knorriger Baum
Hier gibt es noch Wildnis: alte Buche im Nationalpark Kellerwald-Edersee (Bild: David Kalhöfer/commons.wikimedia.org/CC BY-SA 4.0)

Arten können sich oft anpassen

Lebensräume können sich mit der Zeit verändern – das kann ein ganz natürlicher Vorgang sein. Viele Lebensräume werden aber von den Menschen beeinflusst oder erst geschaffen. Oft gelingt es Tier- und Pflanzenarten, sich daran anzupassen.

Die seltene Gelbbauchunke zum Beispiel braucht flache Pfützen und Tümpel. Die gibt es in der Nähe von Flüssen und Bächen, die über die Ufer treten. Solche Gewässer sind aber selten geworden, weil Menschen Überschwemmungen eher verhindern wollen und viele Flüsse und Bäche begradigt und bebaut haben. Stattdessen findet man Gelbbauchunken heute meist in Steinbrüchen und Truppenübungsplätzen.  Die vom Aussterben bedrohte Vogelart Steinschmätzer hat sogar eine Mülldeponie in Hessen besiedelt. 

Warum ist die Vielfalt der Natur bedroht?

Der Mensch hat mittlerweile einen großen Teil der Lebensräume auf der Erde verändert. In einem dicht besiedelten Land wie Deutschland gibt es so gut wie keine unberührte Natur mehr. Rund die Hälfte der Fläche wird für die Landwirtschaft genutzt. Auch die Wälder werden fast überall bewirtschaftet. Das bedeutet, dass regelmäßig Holz geerntet wird.

Sehr oft sind die Einflüsse des Menschen ein Nachteil für wildlebende Tier- und Pflanzenarten. Lebensräume sind durch Straßen, Bahnstrecken, Dörfer und Städte zerschnitten. In der Landwirtschaft werden Felder regelmäßig umgepflügt. Außerdem werden dort oft Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Sie sollen Nutzpflanzen vor schädlichen Insekten schützen – können aber auch anderen Arten wie Wildbienen und Schmetterlingen schaden.

Es bleiben somit nur sehr wenig Rückzugsräume für wildlebende Tier- und Pflanzenarten.

Feld
Felder, wo man auch hinschaut: Viele Landschaften in Hessen sind von der Landwirtschaft bestimmt. (Bild: Birte/Pixabay/Pixabay-Lizenz)

Was wir für den Erhalt der Vielfalt tun können

Oft hört man von einzelnen Tier- oder Pflanzenarten, die besonderen Schutz brauchen. So setzen sich viele Menschen in Hessen für Wildkatzen und Luchse ein. Doch der Einsatz für einzelne Arten ist vor allem darum wichtig, weil dabei in der Regel auch anderen Arten geholfen wird. Wenn zum Beispiel Waldgebiete vernetzt werden hilft das nicht nur Luchsen, sondern auch den anderen Arten, die weite Strecken wandern.

Um die Vielfalt der Arten zu erhalten, müssen vor allem Lebensräume erhalten und geschützt werden. Zum Beispiel, indem Naturschutzgebiete geschafften werden, wo besondere Regeln zum Schutz der Natur gelten. Im Nationalpark Kellerwald-Edersee bleibt sogar ein Gebiet völlig unberührt. So werden Rückzugsgebiete für Tier- und Pflanzenarten geschaffen.

Doch auch außerhalb von Schutzgebieten muss der Mensch mehr Rücksicht auf die Natur nehmen. Oft ist das gar nicht schwierig. In Hessen zum Beispiel sollen Flüsse und Bäche wieder natürlicher fließen. An vielen Stellen ist es nicht nötig, dass sie möglichst gerade sind. Viele Flüsse und Bäche sollen renaturiert werden. Das heißt, dass das Wasser seinen Lauf wieder selbst finden und auch über die Ufer treten kann. An solchen Gewässern können besonders viele Arten leben.

Auch in der Landwirtschaft wird vielerorts mit Rücksicht auf die Natur gearbeitet. In der ökologischen Landwirtschaft dürfen zum Beispiel keine chemischen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. 

Bürgerinnen und Bürger können das unterstützen, indem sie möglichst Bio-Lebensmittel kaufen. Wer einen eigenen Garten hat, kann auch direkt etwas für wildlebende Tier- und Pflanzenarten tun. Ein Garten mit möglichst großer Vielfalt an heimischen Blütenpflanzen hilft zum Beispiel Insekten und damit vielen Vogelarten. Büsche, Unterholz und alte Bäume bieten darüber hinaus Verstecke und Nistmöglichkeiten für Igel, Vögel und andere „wilde“ Gartenbewohner.

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