17. Juli 2018 Landwirtschaft & Garten

Interview: Können Städte essbar sein?

Probieren erlaubt: Ein Verein in Kassel pflanzt Obstbäume und Beerensträucher in der Stadt – und lädt die Menschen ein, mitzuernten. Karsten Winnemuth von Essbare Stadt e.V. erklärt im Interview, was dahintersteckt.

ÖkoLeo: Herr Winnemuth, Ihr Verein heißt "Essbare Stadt". Das klingt lustig. Aber was bedeutet das?

Karsten Winnemuth: Der Name soll die Fantasie anregen. Essbare Stadt? Wie geht denn das? Man könnte an das Knusperhäuschen aus dem Märchen denken. Aber es sind nicht die Häuser, die essbar sind. Hier wachsen ja auch Obst und Gemüse. Und wilde Sträucher und Kräuter. Man kann in jeder Stadt viel entdecken, pflücken und sammeln.

Wir als Verein wollen, dass in der Stadt noch mehr wächst! Darum pflanzen wir an, was essbar ist. Kräuter, Gemüse und Obst. Außerdem wollen wir zeigen, was man daraus machen kann. Wir kochen zusammen oder backen Kuchen.

Karsten Winnemuth trägt seinen 39 Kilo schweren Kürbis.
Karsten Winnemuth mit dem größten Kürbis der Stadt, der 2016 in einem Gemeinschaftsgarten in Kassel gewachsen ist. Der Kürbis wog 39 Kilo. (Bild: www.lattrich-grafik.de)

ÖkoLeo: In Kassel wachsen Pflanzen und Früchte, die man essen kann? Welche denn?

Karsten Winnemuth: In Kassel gibt es zum Beispiel alte Apfelbäume, die wurden schon vor -zig Jahren gepflanzt. Heute kümmert sich niemand mehr darum. Darum kann da jeder etwas ernten. Es gibt auch viele besondere Früchte, zum Beispiel die Felsenbirnen. Die haben mit den bekannten Birnen nicht viel gemeinsam. Die sind im Juni gerade richtig reif und lecker.

Und auf Wiesen und am Waldrand kann man Kräuter sammeln. Im Frühjahr zum Beispiel Brennnesseln, die sind super gesund und lecker. Daraus kann man Suppe machen. Oder Giersch, was manche für ein Unkraut halten. Aber das ist sehr gesund.

Giersch am Wegrand
Giersch ist für manche Menschen nur Unkraut. (Bild: Steffen Heinz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

ÖkoLeo: Sie bauen auch neue essbare Pflanzen in Kassel an. Macht man das denn nicht besser außerhalb der Stadt, in Gärten und auf Feldern?

Karsten Winnemuth: Das kann man natürlich auch machen, aber wir wohnen ja hier in der Stadt! Warum sollten wir unser Essen dann nicht auch hier anbauen? Viele Menschen wissen ja auch gar nicht mehr wie das geht. Man denkt, das Essen kommt aus dem Supermarkt.

Wir haben die Idee von einer Stadt, wo es in Zukunft eine Fülle essbarer Früchte gibt, wo genug für alle da ist. Wir bauen hier Pflanzen an, damit sich die Idee weiterverbreitet.

Damit kann man nicht alle 200.000 Menschen in Kassel satt machen. Aber es ist ein Beitrag dazu, dass die Menschen wieder lernen, wie man selbst Essen anbaut.

Dein Mini-Garten

Kräuter aus der Fensterfarm, Erdbeeren vom Balkon und Salat an der Wand: Auch ohne eigenen Garten kannst Du zu Hause vieles anbauen.

ÖkoLeo: Wo ist denn Platz dafür? Viele Menschen wohnen ja zum Beispiel in einer Mietwohnung, da gibt es höchstens einen Balkon.

Karsten Winnemuth: Ein Balkon ist schon ein guter Anfang! Sogar auf der Fensterbank kann man sich schon leckere Sachen anbauen, wie Kresse oder frische Kräuter. Auf dem Balkon kann man Tomaten anbauen, Bohnen und Gurken.

Und vielleicht gibt es hinter dem Mietshaus eine Wiese? So etwas gibt es oft hier in Kassel. Da stehen meist nur Wäschestangen. Aber auf solchen Flächen kann man Beete anlegen, oder Hochbeete. Wenn man die Hausbesitzer danach fragt, kriegt man manchmal überraschend freundliche Antworten.

Es gibt manchmal auch größere Wiesen, die nicht bebaut sind, und die zum Beispiel einer Wohnungsbaugesellschaft gehören. Aus so einer Fläche haben wir in Kassel einen großen Gemeinschaftsgarten gemacht. Da gärtnern und ernten viele Leute aus der Nachbarschaft.

Und dann gibt es auch noch Parks in der Stadt, in denen man Bäume pflanzen kann. Wir haben in Kassel die Stadtverwaltung darauf angesprochen. Oft freuen die sich sogar, wenn auf diesen Flächen viele Leute gemeinsam gärtnern.

Kinder und Erwachsene pflanzen Apfelbäume ein.
Eine Apfelbaum-Pflanzaktion im Schleusenpark. (Bild: Karsten Winnemuth)

ÖkoLeo: Und was für Pflanzen haben Sie an diesen Stellen angebaut?

Karsten Winnemuth: Das ist eine ganz große Vielfalt. Walnussbäume pflanzen wir gerne, weil wir bei denen nicht viel Pflegearbeit haben. Und Walnüsse halten sich lange. Auch Esskastanien sind ganz weit oben auf unserer Liste. Wir pflanzen aber auch Apfelbäume, Kirschbäume, Pflaumenbäume und Pfirsiche.  Dieses Jahr tragen die Pfirsiche zum ersten Mal so richtig gut.

Und Beeren pflanzen wir gern. Johannisbeeren, Jostabeeren oder Aronia – das sind Apfelbeeren und sie sind besonders gesund. Aber auch Quitten.

Oder auch seltene Sachen: Wir haben einen Baum aus China gepflanzt, bei dem man die Blätter essen kann. Das ist der chinesische Gemüsebaum, und die Blätter schmecken wie Kartoffelchips.

Außer Bäumen und Sträuchern pflanzen wir ganz viel Gemüse: Kürbisse, Zucchini, Bohnen, Tomaten, Salat, Kohl und alles, was es so gibt.

Ökoleo: Was ist, wenn die Früchte reif sind? Kann ich dann durch die Stadt gehen und zugreifen?

Karsten Winnemuth: Genau. Außer in einem Gemeinschaftsgarten, um den sich eine bestimmte Gruppe kümmert. Da soll nicht jeder ernten. Aber unsere Bäume stehen an öffentlichen Orten in der Stadt. Da ist es so gedacht: Betreten erlaubt und pflücken erwünscht.

Man nennt das auch "Allmende", das ist ein Wort aus dem Mittelalter. Da gab es Flächen, die von der Gemeinschaft gepflegt und genutzt wurden.

Beschilderung "Essbare Stadt" am Wegrand
Pflücken erlaubt: Schilder erklären, was der Verein Essbare Stadt gepflanzt hat. (Bild: Karsten Winnemuth)

ÖkoLeo: Gibt es einen besonders ungewöhnlichen Ort, an dem sie etwas angepflanzt haben?

Karsten Winnemuth: Ja, eine der ersten Stellen. Mitten in der Stadt, direkt an einer großen Kreuzung war eine Fläche frei. Dort haben wir zum Beispiel einen Erbsenstrauch, eine Quitte, eine Kirschpflaume und eine Ölweide gepflanzt. Insgesamt 75 Pflanzenarten waren das. Und das wächst da immer noch.

Was wir da geerntet haben, nutzen wir aber nur als Saatgut. Denn man will ja keinen Salat oder kein Gemüse essen, die an so einer Kreuzung wachsen.

Außerdem habe ich mal dicke Bohnen in die Ritzen von einem alten Kopfsteinpflaster eingesät.

ÖkoLeo: Was haben sie selbst dabei gelernt?

Karsten Winnemuth: Wenn man so gärtnert im öffentlichen Raum, dann gibt es immer tolle Begegnungen. Die Leute, die vorbeikommen, staunen immer. Viele halten an und sagen: Hey, das ist ja toll, was ihr da macht! Das macht richtig Spaß.

 

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