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Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
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Lachse: zurück in heimischen Bächen

Lachse sind in deutschen Flüssen seit Jahrzehnten ausgestorben. Wie es der Interessengemeinschaft Lahn (IG-Lahn) gelang, den „König der Fische“ in der Lahn, Dill und Weil wieder anzusiedeln, berichtet der Vorsitzende Winfried Klein.

Winfried Klein

Winfried Klein setzt hier Lachse in der Weil aus.

Ökoleo : Warum gab es hier zu Lande lange Zeit keine Lachse?

Winfried Klein : Lachse waren früher vor allem im Rhein weit verbreitet. In Hessen fand man sie beispielsweise in der Lahn, Dill und Weil. Als sich in den 50er Jahren am Rhein immer mehr Industrie ansiedelte, verschlechterte sich die Wasserqualität drastisch, da das Abwasser in den Rhein geleitet wurde. Kläranlagen gab es damals noch nicht. Die Folge war, dass viele Fischarten, darunter auch der Lachs, nicht mehr lebensfähig waren. Hinzu kam, dass die Lachse durch den Lahnausbau mit Wehren keine Laichgebiete mehr fanden. Schließlich gab es auch in unserer Region keinen einzigen Lachs mehr.

Ökoleo : Leben nicht genug Lachse im Atlantik?

Winfried Klein : Das ist so: Lachse sind Wanderfische. Normalerweise laichen sie im Frühling im Süßwasser. Das heißt, sie legen zum Beispiel in der Lahn oder Dill ihre Eier ab. Die Eier werden von den männlichen Lachsen befruchtet. Drei Monate später schlüpfen die Larven, und nach weiteren fünf Wochen haben sie sich zu kleinen Fischen entwickelt. Im Alter von ein bis zwei Jahren wandern die jungen Lachse zum Meer.

Lachs

Dieser Lachs wurde gerade aus der Lahn in Lahnstein gefangen.

Bis dahin haben sie einen sehr weiten Weg vor sich. Sie schwimmen von der Lahn in den Rhein. Von dort geht es in die Nordsee – also ins Salzwasser – bis nach Grönland. Hier finden sie viel Nahrung, wie Grillschwärme und Krebse. Zwei bis drei Jahre später kehren sie gut genährt zu ihrem Heimatbach – also wieder ins Süßwasser – zurück, um dort für Nachwuchs zu sorgen. Nach dem Ablaichen (Eierlegen) bzw. Befruchten der Eier sterben die meisten Lachse. Dieser Lebenszyklus zeigt, dass die Lachse nur ein paar Jahre im Atlantik leben, bis sie als geschlechtsreife Tiere ins Süßwasser zurückkommen.

Ökoleo : Die Wasserqualität hat sich Anfang der 1980er Jahren unter anderem durch den Bau von Kläranlagen deutlich gebessert. Warum gab es in Lahn, Dill und Weil immer noch keine Lachse?

Winfried Klein : Die Wasserqualität stimmt, was für den Lachs – den „König der Fische“ – eine wichtige Lebensgrundlage ist. Jetzt haben die Wanderfische ein anderes Problem: An der Lahn wurden Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung gebaut. Sie versperren den Lachsen beim Abwandern zur Nordsee den Weg. Die Turbinen der Kraftwerke werden den Fischen zum Verhängnis. Und die Lachse, die von Grönland wieder zu ihrem Heimatbach zurückkehren wollen, schaffen es nicht, die hohen Staustufen und Wehre zu überwinden.

Ökoleo : Was konnte die IG-Lahn bewirken?

Winfried Klein : Die Interessengemeinschaft Lahn setzt sich vor allem für die Durchgängigkeit der Bäche ein, damit die Lachse ungehindert flussaufwärts und flussabwärts schwimmen können. Darüber haben wir mit Politikern und mit den Betreibern der Kraftwerke heftig diskutiert. Wir haben erreicht, dass an einigen Wehren für die heimkehrenden Lachse Fischtreppen gebaut wurden. Es sind aber noch weitere Fischtreppen erforderlich.

Noch etwas: Die meisten abwandernden Lachse sind nachts unterwegs. Wenn die Kraftwerke ihre Turbinen zumindest nachts ausschalten würden, könnten die Lachse ungehindert durch die Seitenrinnen – sofern sie vorhanden sind – in Richtung Rhein wandern.

Ökoleo : Wie kam es dazu, dass man in der Lahn inzwischen wieder Lachse findet?

Lachse

Die weiblichen Lachse nennt man Rogner (links), die männlichen heißen Milchner (rechts).

Winfried Klein : Die IG Lahn verfügt über ein Bruthaus und eine Aufzuchtstation in Aumenau. Außerdem hat sie 25 ehrenamtlich tätige Lachswarte ausgebildet. Sie leisten regelrecht Geburtshilfe. Im Bruthaus werden die Lachseier mit dem Samen der männlichen Lachse befruchtet und in einem Brutschrank gehalten. Wenn sich aus den Larven kleine Fische entwickelt haben, bringen wir sie zur Aufzuchtstation in mehrere Rundstrombecken. So produzieren wir bis zu 25.000 Lachse im Jahr.

Sobald sie groß genug sind, setzen wir sie im Herbst aus. Die zehn bis zwölf Zentimeter langen Fische bringen wir in die Weil, die Dill und den Mühlbach (Rheinland-Pfalz). Die 16 bis 18 Zentimetern langen und bereits silbrig gefärbten Lachse nennt man Smolts. Sie wollen bereits abwandern. Deshalb setzen wir sie in Lahnstein unterhalb der letzen Wasserkraftanlage in die Lahn. Von hier aus können sie ungehindert bis zur Nordsee schwimmen. 1994 haben wir die ersten Lachse ausgesetzt. Drei Jahre später kam der erste zum Laichen wieder an die Lahn zurück. Das Wasserkraftwerk Lahnstein an der Lahnmündung ist für diese Fische aber immer noch unüberwindbar.

Ökoleo : Was machen Sie mit diesen heimkehrenden Lachsen?

Winfried Klein : Unsere Lachswarte fangen die Lachs-Rückkehrer unterhalb des Wasserkraftwerks Lahnstein aus einem Boot mit dem Elektrofischereigerät. Von dort werden sie in einem Behälter zur Zuchtstation der IG-Lahn in Aumenau gebracht und dort künstlich vermehrt. Während bei der natürlichen Vermehrung nur ein bis zwei Prozent Jungfische aufkommen, sind es bei der künstlichen Vermehrung mindestens 90 Prozent. Die Rückkehrer setzen wir dann in die kleinen Fließgewässer seitlich der Lahn wieder aus. So schließen wir den natürlichen Kreislauf derzeit noch mit viel Aufwand und Zeit.

Ökoleo : Essen Sie gerne Lachs?

Winfried Klein : Ich mag gerne Lachs. Allerdings esse ich keinen Wildlachs, sondern nur gezüchteten Lachs, weil auf dem gefahrvollen Wanderweg durch den Atlantik und einem Heer von Fischfangflotten sehr viele dieser selten gewordenen und wertvollen Wildlachse verloren gehen. Jeder Wildlachs, der in sein Heimatgewässer zurückkehrt, wird zur Erhaltung seiner Art benötigt.

Hedda Thielking

Bilder: IG-Lahn