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Eigentlich schade

Geschichte: vom Abwasser

Du drehst den Wasserhahn auf, und Wasser fließt in beliebiger Menge. So lange Du willst, Tag und Nacht, Jahr ein, Jahr aus. Wenn Du im Spülbecken oder in der Badewanne den Stöpsel ziehst, fließt das gebrauchte Wasser im Abfluss davon. Das ist alles eine Selbstverständlichkeit für Dich.

Wasserspiele

Bild: Alexander Stahr
Wasserspiele konnten sich in vergangenen Jahrhunderten nur Adelige leisten. Für alle anderen war trinkbares Wasser zu wertvoll.

Ekliges auf der Straße

Doch das war einmal völlig anders und alles andere als selbstverständlich. In früheren Jahrhunderten war die Versorgung der Menschen in den Städten mit sauberem Trinkwasser und die Entsorgung des Abwassers eine recht schwierige Angelegenheit. Damals flossen die Abwässer samt Inhalten der Nachttöpfe noch zwischen Bürgersteig und Straße ab. Das ist heute unvorstellbar.

Abwasser im Trinkwasser

Nicht selten flossen mit den Abwässern auch tote Tiere und Abfälle aus der Küche in den nächsten Bach oder Fluss, der entsprechend schrecklich stank. Nicht umsonst heißen viele Bäche „Schwarzbach“. Doch das war nicht das Schlimmste. Aus den Bächen und Flüssen wurde Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen gewonnen. Sauber waren im Grunde genommen die Brunnen, aus denen Grundwasser gewonnen wurde. Doch in manch einer Stadt, etwa in Berlin, stand das Grundwasser so hoch, dass schmutzige Abwässer auch in die Brunnen gelangten. So kam es wiederholt zu Epidemien. Krankheiten wie Typhus oder Cholera breiteten sich mit dem verschmutzten Wasser aus.

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Ungenießbares Wasser

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den großen Städten Wasserclosetts zum Zeichen des Wohlstandes. Durch die Errichtung von Kanalisationen wurden die Städte zu dieser Zeit immer sauberer. Doch die Abwässer gelangten in die Flüsse, deren Wasserqualität dadurch immer mehr abnahm. Ihr Wasser wurde für Mensch und Tier ungenießbar.

Abwasser in Festungsanlagen
Brunnen

Bild: Alexander Stahr
Brunnenwasser wurde früher häufig durch Abwasser, das im Boden versickerte, verunreinigt. Krankheiten breiteten sich aus .

Darum hatten beispielsweise die Kurfürsten zu Brandenburg strengstens verboten, Nachttöpfe in Brunnen zu entleeren oder Wäsche in den Brunnen zu waschen. Darüber wachte der Henker. Später waren dafür die so genannten Gassenmeister zuständig. Sie durften sogar den Unrat in die Häuser zurückwerfen. Die Situation in den großen Städten wie Berlin oder Frankfurt wurde immer kritischer, weil die Zahl der Bevölkerung geradezu explodierte. In vielen Fällen sammelten sich die stinkenden Abwässer in den Gräben der städtischen Festungsanlagen.

In Frankfurt am Main war es Anfang des 15. Jahrhunderts verboten worden, Ställe und Misthaufen zur Straße hin zu errichten. Im Jahr 1573 verlangte der Stadtarzt von Frankfurt, dass niemand mehr Urin auf den Straßen ausgießen darf. Später klagte im Jahr 1767 ein Frankfurter Arzt darüber, das der Graben der Festung Frankfurt unerträglich stinke. Dieser Graben oder Wallgraben wurde daraufhin mit Rohren versehen und abgedeckt. Dass das Grundwasser allmählich verseucht wurde, bemerkte man erst um 1830.

Erste Wasserwerke
Fachwerksiedlung

Bild: Alexander Stahr
In mittelalterlichen Siedlungen gelangten Abwässer direkt auf die Straßen.

Krankheiten wie Typhus suchten immer wieder die Städte heim. Die Einwohner wurden immer unzufriedener über Dreck und Gestank. Brauereien beschwerten sich, dass das Wasser zu schlecht sei, um Bier daraus brauen zu können. Erste Wasserwerke wurden errichtet, um auch die Rinnsteine regelmäßig zu spülen. Wasserhähne für fließendes kaltes Wasser wurden in den Städten installiert.

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Lachs im Rhein

In früheren Zeiten war das Wasser des Rheins stark verschmutzt. Heute leben im Rhein über sechzig essbare Fischarten. Darunter auch der Lachs, der den Rhein flussaufwärts zu seinen Laichgewässern durchwandert.

Die Schwemmkanalisation

Der Berliner Arzt Rudolf Virchow (1821-1902) sprach sich deshalb als einer der Ersten für die so genannte Schwemmkanalisation aus. Hierbei wurden Niederschlagswasser, Abwasser und auch Fäkalien in einem unterirdischen System gesammelt. Die flüssigen Stoffe wurden mit Pumpen durch unterirdische Kanäle in die Flüsse geleitet, während sich die festen Stoffe sich in einem Durchlaufbecken absetzten. Im Jahr 1876 wurde in Berlin der erste größere Abschnitt der Kanalisation in Betrieb genommen. Über Rohrleitungen gelangten die Abwässer der Stadt auf die so genannten Rieselfelder vor ihren Toren, in deren Sandböden sie versickerten.

Zeichen des Wohlstandes
Toilette

Bild: Alexander Stahr
Ein WC ist heute einfach selbstverständlich. Doch es gibt sie erst seit Ende des 19. Jahrhunderts in reichen Bürgerhäusern der Städte.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den großen Städten Wasserclosetts zum Zeichen des Wohlstandes. Durch die Errichtung von Kanalisationen wurden die Städte zu dieser Zeit immer sauberer. Doch die Abwässer gelangten in die Flüsse, deren Wasserqualität dadurch immer mehr abnahm. Ihr Wasser wurde für Mensch und Tier ungenießbar.

Wieder essbare Fische

Doch man besann sich des Gewässerschutzes. So wurde beispielsweise der Rhein seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts dank gesetzlicher Vorschriften und moderner Kläranlagen zunehmend sauberer. Lediglich der Brand einer Lagerhalle in der Schweiz im November 1986, bei dem mit gefährlichen Chemikalien verunreinigtes Löschwasser in den Fluss gelangte, unterbrach diese Entwicklung. Heute leben im Rhein über sechzig essbare Fischarten. Darunter auch der Lachs, der den Rhein flussaufwärts zu seinen Laichgewässern durchwandert.

Winzige Helfer
Kläranlage

Bild: Alexander Stahr
Moderne Kläranlagen oder Klärwerke sorgen für die umweltfreundliche Reinigung der Abwässer aus den Städten und Gemeinden.

Die Abwässer von Haushalten, Betrieben, Gaststätten, aber auch das Niederschlagswasser, das von den Straßen in den Gully läuft, werden heute über Kanäle zur Kläranlage geleitet. Dort werden zuerst grobe Verschmutzungen wie Papier oder Sand entfernt. Anschließend durchläuft das Abwasser mehrere biologische Behandlungsstufen, in denen Bakterien für den Abbau von Schadstoffen sorgen.

Das zu fast 100 Prozent gereinigte und klare Wasser wird am Schluss wieder in Bäche und Flüsse geleitet. Dabei wird das Fließgewässer häufig sogar „verdünnt“, da viele Bäche und Flüsse deutlich mehr Belastungen mit unerwünschten Stoffen aufweisen.

Alexander Stahr